Fotolia Interview

Die Meinungen über Fotolia könnten gegensätzlicher nicht sein: Fluch und Frevel am Handwerk sei die Microstock-Agentur, wenn man konservativen Fotografen Glauben schenken mag, mit dem Attribut „Segen“ weil „Super-Sparmöglichkeit“ belegt mancher Bildkäufer die junge Internetagentur.

Ein paar harte Fakten:

- gegründet 2005 von zwei Youngstern
- Bilder ab € 0.83
- Mehr als 400 000 Mitglieder
- Mehr als 2 Millionen Bilder online

Zum Interviewten:

Dittmar Frohmann ist der Repräsentant von Fotolia Deutschland und leitet von Berlin aus das hiesige Bildgeschäft.

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Fotolia: Wie spricht man das eigentlich aus? Einige betonen das erste „o“, andere das zweite, andere die letzte Silbe. Und was bedeutet Fotolia überhaupt?

Fotolia ist ja nicht nur in Deutschland vertreten, sondern hat Webseiten in acht verschiedenen Sprachen und Ländern. Deshalb betonen wir das zweite „o“, also „Fotooooolia“, weil das in den meisten Sprachen passt.

Dittmar: Du kommst eigentlich nicht aus der Bildagenturbranche. Wie bist du bei Fotolia gelandet?

Ich habe in England Business studiert und im Musikbereich schon öfter die deutsche Niederlassung eines internationalen Unternehmens aufgebaut. Außerdem kommt mir der revolutionäre und supermoderne Ansatz, mit dem Fotolia die traditionelle Bildindustrie in ihren Grundfesten erschüttert, sehr entgegen.

Inwiefern profitiert Fotolia von deinen Erfahrungen mit „Lokalisierungen“ und warum ist das wichtig für fotolia?

Unsere Webseite fotolia.de profitiert außerordentlich davon, dass sie nicht einfach aus dem Englischen übersetzt wurde. Unter Berücksichtigung interkultureller Unterschiede haben wir die Struktur und den Inhalt unseren deutschen Gewohnheiten angepasst. Unsere Mitglieder arbeiten also mit einer Seite, die speziell für Sie und nicht z.B. für Amerikaner konzipiert wurde. Das unterscheidet uns von vielen anderen Internetangeboten.

Ihr habt unheimlich viele Bilder internationaler Fotografen – wenn ich das richtig sehe auch viel Bildmaterial aus z.B. Indien. Braucht es überhaupt deutsche Fotos?

Klar. Auch das ist eine interkulturelle Angelegenheit. Jedes Land hat seine eigene Ästhetik. Wir zeichnen uns gerade durch eine eher europäisch geprägte Bildsprache aus und sind weniger von den weichgespülten Motiven der US-Amerikaner dominiert.

Warum hattet ihr keinen Stand auf der Picta? Braucht ihr als “Stars der Micros” keine Bühne mehr?

Wir sind eine Internetfirma. Uns interessiert eher ein Barcamp. Auch lassen sich die extrem günstigen Bildpreise nur realisieren, wenn wir unsere Kosten niedrig halten. Den Preis für einen teuren Stand müssten wir letztendlich an unsere Kunden weiter geben.

Ihr seid unheimlich gewachsen, expotentiell gewachsen. Bis zur ersten Millionen von Bildern hat es gedauert, zwei Millionen ging schnell und die dritte Millionen ging quasi über Nacht. Wie erklärst du dir das? Und braucht ihr überhaupt noch neue Fotografen – der Absatz jedes Fotografen müsste rein rechnerisch inzwischen ja sinken.

Das Konzept geht auf, weil nur wenige große Fotografen von exklusiven Auftrags-Shootings bzw. Autorenfotografie leben können. Dann lieber viele Bilder günstig als teure gar nicht verkaufen. Manche unserer Microstock-Stars verdienen sehr gut bei uns, und wer sich an die Gesetze des Marktes hält, kann exzellente Umsätze erzielen. Außerdem ist mit den Bildbeständen auch die Zahl der Käufer gewachsen, inzwischen haben wir mehr als 400.000 Mitglieder bei Fotolia.

Wer sind eure Käufer? Über den Daumen gepeilt: wie verteilen sich Privatnutzer die ein Bild für ihre Homepage wollen, Redaktionen und Werbeagenturen? Warum kaufen letztere eher ungern bei euch?

Was übrigens gar nicht stimmt. Unsere Käufer kommen zum größten Teil aus der Grafik-, Werbe- oder Verlagsbranche. Manche Designer kaufen sogar ganz bewusst bei uns, weil sie unverbrauchtere Motive suchen und/oder sich von den Branchenriesen verladen fühlen. Oder es sind die kleinen Firmen, die ihre Werbemittel selbst herstellen bzw. Webdesigner, die für eben solche Firmen arbeiten. Der reine Privatnutzer macht bei uns den geringsten Prozentsatz aus.

Thema Rechte: Das Hauptargument gegen Micros ist, dass ihr im Gegensatz zu traditionellen Agenturen die Rechte von Fotos nicht geklärt habt. Wenn man dem Argument Glauben schenken würde, müsstet ihr ja ständig auf der Anklagebank sitzen. Wie sieht es denn in der Praxis aus, haben eure Kunden tatsächlich Probleme?

Wer sagt, dass bei uns die Rechte nicht geklärt sind? In unseren Downloadverträgen ist das sehr genau definiert. „Lizenzfrei“ ist ein irreführender Begriff, da es natürlich eine Lizenz gibt, diese aber weder zeitlich noch örtlich begrenzt ist. Auf der Anklagebank haben wir übrigens noch nie gesessen, im schlimmsten Fall gibt es mal ein kleines Problem, das sich auch immer außergerichtlich lösen lässt Und man darf auch nicht vergessen, dass wir auch über die gemeinsame Wahrnehmung und Intelligenz von 400.000 Mitgliedern sprechen. Die finden alles.

Worst-Case: ein Fotograf hat tatsächlich ein Bild ohne Modell-Release verkauft. Wie verhält sich Fotolia? Wie hilft man dem Kunden, wie dem Fotografen?

Ohne Modell-Freigabe wird ein Bild bei uns gar nicht freigegeben. Wenn überhaupt könnte ein Fotograf eine falsche Lizenz einreichen. Das würde dann natürlich bei Aufdeckung zur sofortigen Suspension des Fotografen führen und zu einer rechtlichen Verfolgung durch unsere Anwälte bzw. die des Geschädigten. Im besten Fall kann die Modell-Freigabe nachgeliefert werden und der Kunde kann das Bild weiter benutzen. Allerdings ist dieses reine Hypothese, da es sich wirklich nicht lohnt, bei uns zu betrügen. Da gibt es lohnenswertere Ziele.

Anwälte, die sich eben gerade im Gerichtssaal noch bis auf Blut bekämpft haben, gehen nach dem Prozess zusammen einen trinken. Wie sieht das in der Bildagentur-Branche aus?

Leider bin ich noch nie von Marc Getty oder Bill Gates auf ein Bier eingeladen worden. Ist eigentlich eine gute Idee. Die sollen sich melden, wenn sie mal einen saufen wollen.

Sicherlich hat das rasante Wachstum auch zu Problemen geführt: die Server haben geächzt, die Suche war lahm. Die neue Version war lange angekündigt und immer wieder aufgeschoben. So wirklich wichtig können euch eure Kunden nicht gewesen sein.

Die neue Version läuft und hat die Kinderkrankheiten inzwischen auch erfolgreich überstanden. Die Kunden sind das Wichtigste überhaupt – deshalb hat das ganze Team auch Tag und Nacht daran gearbeitet, dass Fotolia auch nach dem großen Zuwachs an Usern einwandfrei funktioniert. Wir haben dabei nicht einfach neue Funktionen auf die alte Version aufgepfropft, sondern im Kern komplett neu strukturiert. Und das am lebenden Patienten. Wir können jetzt schon sagen, dass sich der Aufwand absolut gelohnt hat.

Wann kauft Getty/ Corbis / Jupiter euch?

Wenn Sie von solchen Plänen wissen, sind Sie besser informiert als wir. Fotolia ist und bleibt autonom, und das ist auch gut so.

Unter uns beiden: das mit den 1-Euro-Bildern ist doch mehr ein Lockangebot um euer Angebot bekannt zu machen. Wann steigen die Preise, wird es in einem Jahr bei euch überhaupt noch billige Bilder geben?

Noch besser: in unserer kostenfreien Sektion sind die Bilder sogar komplett umsonst. Und der Großteil unseres Angebots beginnt in der kleinsten Lizenz immer noch bei einem Euro, genauer gesagt bei 0,83 Cent, was einem Credit entspricht.

Welche Bildagentur – außer fotolia – magst du und warum?

Ich mag gerne Veer, Image Source und Masterfile, weil diese Agenturen den Style haben, der in meinen favorisierten Publikationen tonangebend ist.

Derzeit wird in Deutschland über einen Mindestlohn nachgedacht, ungefähr 7,50 Euro sind angestrebt. Modells zu buchen, zu arrangieren, das Foto zu machen, bearbeiten, verschlagworten, hochladen dauert Zeit und Geld. Was ich sagen will: der Erlös eines Fotos liegt unter einem eventuellen Mindestlohn. Ist das nicht Ausbeutung?

So kann man das nicht rechnen. A) sind wir nicht der Arbeitgeber der Fotografen, die sind natürlich selbstständig B) bekommen manche Fotografen bei uns vier- bis fünfstellige Verkaufsprovisionen im Monat überwiesen und liegen damit weit über dem von Ihnen angesprochenen Mindestlohn. Was uns für Fotografen attraktiv macht, ist dass die Verkäufe, sobald das Bild im Netz steht, quasi von selbst gehen. Keine Agentursuche, kein Marketingaufwand, kein Kundenkontakt. Zeitsparender und gleichzeitig effektiver kann man seine Bilder als Fotograf kaum verkaufen.

Micros sagen: Ein Fotograf der über eine traditionelle Bildagentur zu MFM-Honoraren verkauft ist doof. Traditionelle Bildagenturen behaupten das Gegenteil. Einige Fotografen bezeichnen fotolia & Co. als „Fotografenvernichter“. Kannst du die Positionen nachvollziehen und wer hat denn nun Recht?

Das ist doch eine völlig irre Diskussion, wir leben in einem freien Land und jeder Fotograf kann verkaufen, wo er will und was er will. Die Top-Fotografen dieser Welt werden ihre Bilder kaum bei Fotolia einstellen, wir bedienen eine völlig andere Klientel. Andersrum: der bekannte Berliner Untergrundkünstler Jim Avignon verkündete bereits in den späten 80ern seine Kuratorkiller-Theorie: Lieber tausend Bilder zu einem Euro (damals noch Mark) zu verkaufen, als eins für tausend Euro. Oder sogar gar keins. Also, jeder was er kann bzw. was er möchte.

Fotolia in einem Jahr?

Unser Ziel ist, dass jeder in Deutschland „Fotolia“ sagt, wenn er „Microstock“ meint…

7 Kommentare
Martin 23.08.2007

War mal etwas neugierig und habe bei den top-ranking-Fotografen:-) in fotolia-Pfennigbasar gestöbert.
Was man da so sieht, ist mit dem Begriff “Fotografie” nur mangelhaft beschrieben!
Die meisten der Bilder haben nur einen Autor, der vielen Fotografen unter dem Kürzel PS bekannt ist.
Nebenbei: interessant für Hobby-Meteorologen sind die immer wiederkehrenden völlig identischen Wolkenformationen.
Wenigstens ist es billig!

jens 29.08.2007

mich hätte ja noch eine Stellungnahme zum Thema Fotolia-Desaster-Update-2.0 interessiert, sonst eher PR datt ganze

... nachbelichtet » Mit Fotos Geld verdienen Teil 3 30.08.2007

[...] Passend zu meiner Serie zum Thema “Microstock – Mit Fotografie Geld verdienen”, habe ich ein interessantes Interview mit dem Repräsentanten von Fotolia Deutschland, Dittmar Frohmann, bei dokufoto.de entdeckt. Diese Icons verzweigen auf soziale Netzwerke bei denen Nutzer neue Inhalte finden und mit anderen teilen können. [...]

fotolia - erfahrungen - Seite 3 - Foto Talk - Geld verdienen mit digitalen Bildern! 06.09.2007

[...] Hallo Fotolianer, ich habe leider heute erst diese Interview gefunden. Fragen an Dittmar Frohmann von Fotolia, ver�ffentlicht am 22. August 2007. Fotolia Interview – FOTOGRAFIE [...]

foto.fritz 07.09.2007

hi, habe da so meine erfahrungen mit den diversen microstocks zusammengefasst und mit einer verkaufsstatistik versehen:

http://micro-stock-photo.info

lg

fritz

Wohin geht die Reise? - Von Marko Radloff - bildwerk3 . Photoblog - digital - analog - theoretisch 22.11.2007

[...] Um zu ahnen, wie es noch geht, sei jedem das Interview mit Dittmar Frohmann empfohlen. Frohmann leitet von Berlin aus das Bildgeschäft von Fotolia Deutschland – einer Microstock-Agentur. Auf die Frage nach dem rasanten Wachstum in der letzten Zeit antwortet Frohmann, das das Konzept eben aufgehe, da nur wenige Fotografen von Auftragsshootings bzw. Autorenfotografie leben können und lieber viel für wenig Geld verkauften, als Bilder teuer anzubieten und keins zu verkaufen. Gefunden bei dokufoto.de [...]

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