Die Industrielle Revolution der Fotografie

Laut Geschichtsbüchern ist die Industrielle Revolution seit über 150 Jahren vorbei. Ich meine: das stimmt überhaupt gar nicht. Zumindest die Fotografie befindet sich erst seit wenigen Jahren in ihr. Wird gerade so eben revolutioniert.

Okay, soweit meine These. Jetzt zum weitaus schwierigeren Teil – der Begründung.

Stark herunter gebrochen, gab es zwei wesentliche Motoren für die Industrielle Revolution:

    1.) Die Erfindung sowie der breite Einsatz von Maschinen. Schwere körperliche Arbeit wurde durch (halb-)maschinelle ersetzt. Die Produktivität erhöhte sich um ein vielfaches. Das prominenteste Beispiel hierfür ist die Spinning-Jenny – konnte mit ihr doch eine Person die Arbeit von ehemals acht Personen erledigen.
    2.) Die Zergliederung eines Arbeitsprozesses in mehrere Arbeitsschritte, die von unterschiedlichen Personen erledigt wurden (Arbeitsteilung). Bezeichnend war, dass die einzelnen Arbeitsschritte nicht mehr von Spezialisten ausgeführt wurden mussten, sondern von angelernten Arbeitern übernommen wurden.

In der Fotografie ist solch eine Erfindung bis jetzt ausgeblieben. Auch wenn der Fotograf heutzutage mit einer hochkomplexen und hochtechnisierten Ausrüstung arbeitet, ist es immer noch eine Person die ein Foto macht. Eine Analogie: wäre ein Fotograf ein Bauer, dann würde er immer noch mit einem einzigen (Hightech-)Spaten einen Acker alleine umgraben. Nicht sonderlich produktiv.

Doch dies ändert sich gerade. Die einzelnen Arbeitsschritte werden zerlegt, Maschinen übernehmen Aufgaben die bis dato ein Fotograf durchführte, bearbeiten die einzelnen Teile und setzen sie dann selbstständig zusammen.

Zwei Beispiele:

1.) Produktfotos
Während früher Produktbilder von einem Fotografen angefertigt wurden, können mittlerweile selbst absolute Fotolaien sehr passable Ergebnisse erzielen. Möglich beispielsweise mit dem Packshot-Creator, einem Leuchtkasten in dem nur noch das Produkt platziert wird, per Knopfdruck entsteht das Bild. Weißabgleich, Beleuchtungspositierung, Zeitwahl usw. ist nicht mehr nötig, darum kümmert sich die ab Werk konfigurierte Fotomaschine. Selbst 360 Grad Ansichten werden automatisch erstellt. Einfacher kann es nicht gehen. Den Fotografen kann man sich schenken – Gerät kaufen, Fachkraft anlernen (laut Testimonial geht das in 10 Minuten) und los geht die Massenproduktion.

packshot.jpg
Automatisch Produktfotos mit dem Packshot Creator

2.) Außenaufnahmen, Gebäudeaufnahmen und Panoramafotos.

Während früher noch ein Fotograf die Straßen ablief und ab und an den Auslöser drückte, fährt heute ein Kameraauto die Strecke ab und fertigt nach dem vorgegebenen Intervall Fotos an. Ein zuordnen den Fotos zur Position ist auch nicht mehr nötig, wird doch der Standort automatisch per GPS in die Metadaten geschrieben. Schritt für Schritt, Straßenzug um Straßenzug entsteht so ein Abbild ganzer Städte. Der Fotograf wird hier ersetzt durch einen Fahrer, der Archivar durch den Computer. Wer das bereits so macht? Großes Google natürlich.

google-auto.jpg
Google-Auto mit eingebauten Kameras, die Bilder werden in Google Streetview eingepflegt.

Ein neues Projekt von Google übrigens der Gigapan. Gigapan ist ein „Panoramaroboter“, der vollautomatisch Panoramen anfertigt – der Bediener muss nur noch den Bildausschnitt festlegen, Aufnahmen und Stitching übernimmt das Gerät. Während hingegen ein solcher Roboter bis jetzt locker einige Zehntausend Euro kostete, werden ab Frühjahr 2008 die ersten Bildmaschinen ausgeliefert werden – für einen Bruchteil des bisherigen Preises.

gigapanwhite.jpg
Erstellt und stitcht automatisch Panoramen: der Gigapan.


Funktionsweise des Gigapans.

Natürlich sind beide Beispiele Extrembeispiele. Ich höre bereits jetzt die Kritiker: „Pressefotos, Modefotos und Portraits wird immer der Fotograf machen! Das kann eine Maschine doch gar nicht!!“

Tzia, so weit der Wunschtraum. Von Produktfotos und Architekturfotos dachte das bis vor wenigen Jahren auch niemand. Genauso wenig wie der Bauer sich vor hundert Jahren nicht vorstellen konnte, dass man die Kuh nur noch an ein Melkmaschine hängt und die Milch einen Tag später 500 Kilometer weit entfernt tetraverpackt im Laden steht. Oder der Baumwollpflanzer, der sich auch nicht vorstellen wollte, dass seine Baumwolle automatisch geerntet, gereinigt, gefärbt und zu einem Pullover gestrickt wird.

4 Kommentare
claudia 03.11.2007

.

Zum Glück können sie Kreativität noch nicht automatisieren.

[...] Tim von dokufoto.de schreibt darüber, warum die industrielle Revolution der Fotografie noch lange nicht vorbei ist. [...]

Tim / FOTOGRAFIE - Blog 05.11.2007

;-)

8mt 06.11.2007

In 200 Jahren werden Schüler im Geschichtsunterricht lernen, dass wir zu Beginn des 21. Jahrhunderts in einer zweiten industriellen Revolution steckten: Sie fesselte die Menschen nicht ans Fließband, sondern kettete sie an die Sachzwänge des Lohnerwerbs und der Produktivitätssteigerung. Je nachdem, ob man Kulturpessimist ist oder nicht, kann man nun darüber spekulieren, ob der nächste Schritt sein wird, dass keiner mehr Arbeit hat – oder ob der nächste Schritt zu der Einsicht führt, dass die weiter steigende Produktivität zu mehr persönlcher Freiheit führt. Aber das ist ein Thema, das kaum noch etwas mit Fotografie zu tun hat.

Deshalb: So, wie es rückblickend niemandem mehr weh tun muss, dass die Webmaschine erfunden wurde, wird es langfristig niemandem weh tun, dass bestimmte Nischen der Fotografie über kurz oder lang nicht mehr zum Broterwerb taugen. Am besten schützt man sich gegen den Verlust, indem man gar nicht erst zu lange über den Verlust des Alten jammert, sondern sich umgehend nach Alternativen umsieht. DARIN liegt die eigentliche Kreativität.

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